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Über den Selbstmord - Teil 1

Indra Balmer


Als ich in der 11. Klasse war, nahm sich einer meiner Mitschüler selbst das Leben. Ich persönlich kannte besagten Schüler kaum, ich hatte nur einen Kurs mit ihm zusammen, habe aber außerhalb des Unterrichts nie mit ihm geredet. Ich erinnere mich, wie er immer unsere Lehrerin leicht provozierte und uns alle zum Lachen brachte, und aus irgendeinem Grund, kann ich mich noch lebhaft an sein Grinsen erinnern. Vermutlich, weil mir dies immer wieder vor Augen führt, dass man nie weiß was ein Mensch gerade durchmacht, was ein Mensch gerade fühlt, da wir alle uns hinter unseren eignen Schutzmauern verstecken und eine Maskerade aufführen. Selbst die Menschen, die nach außen hin glücklich wirken, können innerlich in einen Kampf verstrickt sein.


Laut „Statista“ wurden im Jahr 2016 Deutschlandweit 9.838 Selbstmorde verzeichnet - das sind mehr als doppelt so viele Menschen, die sich das Leben genommen haben, als Menschen, die im selben Zeitraum durch einen Verkehrsunfall verstorben sind. Zwar hat die Selbstmordrate seit den 1980er Jahren von im Schnitt 17.270 Toten stark abgenommen, ist jedoch mit den aktuellen beinahe 10.000 Toten noch immer erschreckend hoch - und trotzdem ist dieses Thema ein gewaltiges Tabu in unserer heutigen Gesellschaft. Aber woran liegt das? Liegt es daran, dass es innerhalb der Kirche noch immer als Sünde angesehen wird? Oder daran, dass sich die meisten Deutschen nicht über die hohe Anzahl an Selbstmorden bewusst sind, und was einen nicht persönlich angeht, damit muss man sich auch nicht beschäftigen? Was bewegt so viele Menschen Jahr für Jahr dazu sich ihr eigenes Leben zu nehmen? Und warum kommt dieser Tod in vielen Fällen für die Angehörigen wie aus dem Nichts?


Ein Soziologe, der sich intensiv mit dem Thema Suizid auseinandersetzte, war Emile Durkheim. Er widerlegt in seinem Werk „Der Selbstmord“ den bis dahin angenommenen Zusammenhang zwischen Selbstmord und Faktoren wie Rasse, Vererbung, Klima oder Nachahmung. Hierzu analysiert er verschiedene Statistiken zwischen 1840 und 1880 sowie Daten aus eigenen Recherchen. Er untersuchte stattdessen den Selbstmord als pathologische Verhaltensweise: In Zuge dessen gibt er drei (bzw. vier) Grundtypen des Suizids an. Hierbei berücksichtigt er jedoch bewusst nicht die Fälle, die auf Geisteskrankheit zurückzuführen sind:


1. Der egoistische Selbstmord Durkheim folgert, dass bei dieser Form des Suizids ein Verlust an Wertbedeutung innerhalb eines Kollektivs stattfindet und hierbei die Bedürfnisse eines Individuums über die einer Gemeinschaft gestellt werden. Hierbei entwickelt sich außerdem ein schrittweiser Isolationsprozess. Als Beispiel führt Durkheim hier die Auswirkungen der religiösen Glaubensgemeinschaften auf den Selbstmord an: Es lässt sich beobachten, dass, vergleicht man die protestantische, die katholische und die jüdische Gemeinschaft, die Anhänger des Protestantismus prozentual die häufigsten Suizide verzeichnet. Als Grund hierfür, nennt Durkheim den im Vergleich geringsten Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, gekoppelt mit einem starken Bedürfnis nach Bildung. Entgegen der Erwartung, dass die Selbstmordrate bei der jüdischen Glaubensgemeinschaft, auf Grund ihres Minderheitsstatuts und ebenfalls hohem Wissenstand, hoch ausfallen würde, lässt sich bei den Juden die geringste „Anfälligkeit“ zu Selbstmord beobachten. Als weiteres Beispiel kann man hierbei die Situation unverheirateter, verwitweter oder kinderloser Personen betrachten. Auch in diesen Fällen lässt sich eine „[fehlende] Verbindung an und Kontrolle durch eine Gruppe“. feststellen, wodurch wiederum die „Anfälligkeit“ für Selbstmord steigt. Als weiteres Beispiel führt Durkheim das Ereignis einer politischen Krise an: Er hält fest, dass während einer solchen Zeit der Not, die Selbstmordrate sinkt, da sich der Zusammenhalt innerhalb einer sozialen Gruppe stärkt und eine stärkere Integration stattfindet.

2. Der altruistische Selbstmord Der altruistische Selbstmord stellt laut Durkheim das Gegenstück zum egoistischen Selbstmord dar. Die soziale Gruppe und ihre Bedürfnisse werden über die des Individuums gestellt. Hierbei findet eine zu starke Integration in die Gesellschaft statt, denn „[genau wie] eine übermäßige Vereinzelung zum Selbstmord führt, so hat eine nicht genügend ausgeprägte Individualität dieselbe Wirkung. Wenn der Mensch aus der Gesellschaft herausgelöst wird, begeht er leicht Selbstmord. Das tut er auch, wenn er zu sehr in sie verstrickt ist“. So können „Selbstmordtraditionen“ so stark innerhalb einer Gesellschaft verankert sein, dass sich Einzelpersonen dazu veranlasst sehen Selbstmord zu begehen, da sie es als ihre Pflicht ansehen - „Die Gesellschaft übt also einen Druck auf [den Menschen] aus, sich selbst zu zerstören“. Spezifischer bezeichnet Durkheim diesen Typus als „obligatorischen altruistischen Selbstmord“ Durkheim statuiert, dass „[der Suizid] umso stärker zu[nimmt], je weniger Anfälligkeit für den egoistischen Selbstmord die betreffenden Völker besitze [und] er nimmt ab, sowie der egoistische Selbstmord sich entwickelt“. Er untergliedert diesen Grundtyp in drei weitere Subtypen:

2.1. (Der bereits benannte) obligatorische altruistische Selbstmord

2.2. Der fakulative altruistische Selbstmord Auch bei dieser Art von Selbstmord besteht ein Pflichtgefühl, welches von der Gesellschaft ausgeht, jedoch ist es nicht so stark ausgeprägt im Vergleich zum obligatorischen Selbstmord. Diesen Subtypus findet man vornehmlich bei Gesellschaften bei denen das Leben als solches keinen sonderlich hohen Wertstatus hat. So erklärt Durkheim: „Wenn man von Kindheit an gewohnt ist, sich aus dem Leben nicht viel zu machen und diejenigen zu verachten, die besonders daran hängen, kann es leicht geschehen, dass man es aus dem geringsten Anlass von sich wirft. Zu einem Opfer, das so wenig kostet, entschließt man sich leicht“.

2.3. Der „überspitzte altruistische Selbstmord“ Dieser Subtypus findet vor allem in Kulturen Verwendung bei welchen der Glaube an das was nach dem Tod eine höhere Werthaftigkeit zukommt als dem Leben selbst. „Das Opfer [des eigenen Lebens wird] ausschließlich aus Freude am Opfer dargebracht [...], weil der Verzicht an sich, ohne einen besonderen Anlass, als lobenswert gilt.“.

3. Der anomische Selbstmord Auch zwischen dem anomischen Selbstmord und dem fatalistischen Selbstmord besteht eine ähnliche Kohärenz, wie zwischen dem egoistischen und altruistischen Selbstmord. Es stützt sich lediglich nicht wie bei den bereits genannten auf eine fehlende oder zu starke Integration innerhalb einer Gesellschaft, sondern auf das nicht Vorhandensein von Richtlinien und Vorschriften und als Gegensatz das Vorhandensein von zu vielen Regelungen. Der anomische Selbstmord also ist eine Folge einer zu niedrigen Regelgebundenheit: „Der Mensch [ist auf eine] autoritäre Macht [angewiesen], welche seine Bedürfnisse, zum Beispiel anhand von Moralvorstellungen, einschränkt.“ Ist jedoch ein Wandel zu verzeichnen, durch welchen der Mensch nicht länger weiß welchen Normen und Werten er folgen bzw. welche er anstreben soll, entstehen für die einzelnen Individuen wiederum „Frustrationen, die zu Selbstmord führen [können]“.

4. Der Fatalistische Selbstmord Der fatalistische Selbstmord ist, wie bereits erläutert, das Gegenstück zum anomischen Selbstmord. Anstatt einer zu starken Abwesenheit von Regeln, Normen und Werten, welche das Individuum in „Chaos“ stürzen, besteht eine zu starke Integration in das gesellschaftliche Regelnetzwerk - „[es] befinde[t] sich in einem Zustand [...] der übermäßigen Kontrolle“. Er beschreibt also, dass diese Art des Selbstmordes bei Personen eintritt, die sich durch die Vielzahl der (Regel-)Einschränkungen beengt und eingeschränkt fühlen, bei „denjenigen, denen die Zukunft mitleidlos vermauert wird, deren Triebleben durch eine bedrückende Disziplin gewaltsam erstickt wird. Es ist der Selbstmord der zu jungen Eheleute, der Selbstmord der kinderlos verheirateten Frau führt.“ Jedoch definiert Durkheim diesen Typus als minder wichtig und zu seiner Zeit vernachlässigbar.

Durkheim hat durch seine Untersuchungen festgestellt, dass die Gesellschaft, ihre Bedürfnisse, Normen und Werte ein entscheidender Faktor sind, welche den Menschen zum Selbstmord treiben können. Der Mensch leidet also an der Kultur. Diesen Zusammenhang findet man auch bei Freuds „Psychoanalytischen Kulturtheorie“ - im Rahmen dieser stellt Freud die These auf, Kultur mache den Menschen krank. Betrachtet man seine Ausführungen in „Unbehagen in der Kultur“ von 1930, kann man durchaus daraus schließen, dass die beschriebene Forderung von „Triebopfern“ und der Versuch eines Ausgleiches zwischen Freiheit und Zwang, und ein dementsprechender Fehlversuch bzw. das Nicht-Gelingen dessen, Menschen zu einem Selbstmord treiben können.


Telefonseelsorge: 0800 1110111

Hilfe an der Viadrina: https://www.europa-uni.de/de/struktur/zse/zsb/psychologische_beratung/index.html

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