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Über den Selbstmord - Teil 2

Indra Balmer


Ich erinnere mich an eine Deutschstunde einige Monate nach dem Tod meines bereits erwähnten Mitschülers. Wir besprachen eine Lektüre, in welcher der Protagonist Selbstmord begangen hatte und diskutierten in Folge dessen über die Beweggründe für Selbstmord. Unsere Lehrerin stellte uns die Frage, was wir persönlich über den Selbstmord denken. Welche Meinung wir zu dem Thema haben und, ob wir eine solche Entscheidung nachvollziehen könnten. Die Meinungen unter meinen Klassenkameraden gingen stark auseinander und es ließen sich drei „Strömungen“ bzw. Meinungen herauskristallisieren zu der Frage, wie wir über den Selbstmord dachten.

Erstere empfindet es als mutig, sich selbst das Leben zu nehmen und der eigenen Existenz ein Ende zu bereiten. Denn man weiß nicht was einen nach diesem Leben erwartet. Ob es einen Himmel oder eine Hölle gibt, ob man wiedergeboren wird oder einem danach das „große Nichts“ erwartet. Mit einem Selbstmord trifft man eine Entscheidung, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Es scheint mutig, alles was man kennt (und vielleicht auch noch liebt) hinter sich zu lassen und sich in das Unbekannte zu begeben. Und im Falle, dass man vielleicht gar nicht wirklich sterben möchte, aber andere Beweggründe (z.B. dass man im Krankheitsfall seiner Familie nicht zur Last fallen will) einen dazu veranlassen trotzdem sein eigenes Leben zu beenden, benötigt man vermutlich auch viel Überwindungskraft (manche mögen es auch Mut nennen).

Eine andere Meinung besagt: es ist traurig, wenn man einen Suizid als Beendigung eines gescheiterten Lebens betrachtet. Wenn man sich vor Augen hält, dass es einem Menschen so schlecht ergangen sein muss, das er entscheidet nicht weiter leben zu wollen. Wenn für diesen Menschen das Wunder des Lebens und die Schönheit unserer Welt entgehen und nichtsbedeutend sind - Wenn er darin keinen Trost finden kann. Und vor allem wenn man sich vorstellt, dass es für Freunde und Angehörige wie aus dem Nichts kommt und diese Person sich so einsam gefühlt haben muss und eventuell seine/ihre Gefühle und Ängste mit niemandem teilen konnte.

Die letzte Meinung ist der Ansicht es sei selbstsüchtig und feige, wenn man einen Suizid als Ausflucht vor schon „den kleinsten Problemen im Leben“ sieht. Wenn man der Meinung ist, dass sich diese Menschen nicht ihren Problemen stellen können oder wollen und es noch nicht mal versuchen. Wenn sie sich über die Konsequenzen, die ihr Handeln mit sich ziehen, bewusst sind, diese ihnen aber schlichtweg egal sind.

Je nachdem, ob und welche Gründe für den Suizid einer Person bekannt sind, ändert sich auch die Einstellung der Menschen und somit auch der Gesellschaft zu den einzelnen Fällen von Selbstmord. Ist zum Beispiel bekannt, dass die betroffene Person unter Depression litt, so würden die meisten Personen den Tod wohl als traurig empfinden. Handelt es sich aber um einen Impulsakt, wie beispielsweise aus Liebeskummer, würden wohl viele den Selbstmord als unüberlegt oder gar egoistisch bezeichnen. Die Haltung, die wir dem Phänomen Selbstmord gegenüber einnehmen kann stark schwanken und kann nie objektiv sein.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod, führt automatisch zu der Frage, was passiert nach dem Tod? Gibt es einen Himmel und eine Hölle? Wartet eine seelische und emotionale Erlösung auf uns? Werden wir wiedergeboren? Oder ist da einfach Nichts? Letzteres ist vermutlich die angsteinflößendste Vorstellung. Doch für Menschen, die Ihrem Leben ein Ende setzten wollen, da sie ihrem Schmerz nicht länger standhalten können, ist auch in einem „Nicht-mehr-sein“ eine Form von Erlösung vorhanden. Es gibt die verschiedensten Beweggründe, die in einem Menschen den Wunsch zu sterben auslösen. Doch für alle ist es wohl eins: Ein Ausweg, wo sie keinen anderen Ausweg sehen können. Auch Montaigne sieht in seinem Werk „Über den Tod als Flucht vor den Lüsten des Lebens“ den Tod als legitimen Ausweg vor den Leiden des Lebens. Er beschreibt die antike Auffassung „daß es Zeit zum Sterben sei, sobald das Leben mehr Übels als Gutes aufweise, und daß seine Verlängerung, wenn sie uns zur Beschwer und Qual werde, sogar gegen die Naturgesetze verstoße,“.

Suizid ist also nichts anderes als die Einsicht der eigenen Sterblichkeit, die Anerkennung dessen als Ausweg und Loslösung von allem irdischen Leiden und die frühzeitige Initiation dessen.


Ich persönlich glaube an das Schicksal. Ich glaube daran, dass jeder Mensch einen Zweck und einen Sinn für sich entdecken kann. Doch kann ich nicht glauben, dass es das Schicksal eines Menschen ist sich selbst umzubringen. Noch möchte ich glauben, dass Menschen an der Erfüllung ihres Schicksals zerbrechen und deshalb die Entscheidung treffen Suizid zu begehen. Ich kann nicht glauben, dass der gewaltsame, erzwungene Tod eines Einzelnen Teil des Schicksals ist und weiß auch leider noch nicht wie ich das mit meiner Definition von Schicksal und meinen Glauben daran vereinen soll. Doch ist es in meinen Augen keine Untat oder gar eine Sünde Selbstmord zu begehen, es ist eine Entscheidung eines jeden Individuums, die ich respektieren muss.


Manchmal frage ich mich, ob mein ehemaliger Mitschüler dies erreicht hat, ob er seinen Frieden gefunden hat. Ich hoffe es sehr - es ist ein Gedanke, der mir Trost spendet - zu wissen oder sich vorstellen zu können, dass all die Menschen, die sich Jahr für Jahr das Leben nehmen von ihrem Leiden befreit wurden. Ich hoffe und bete dafür an einen Gott, an den ich nicht glaube.

Und derweilen hoffe ich, dass das Thema Suizid in naher Zukunft, nicht länger ein Tabuthema ist - Das sollte man mit Selbstmordgedanken zu kämpfen haben, dies offen ansprechen kann und einem Hilfe angeboten wird. Denn ja, es gibt auch heute schon Einrichtungen, die Menschen mit derartigen Problemen helfen können und wollen, doch muss auch eine gleichzeitige, nennen wir es, „Anerkennung der Tatsachen“ innerhalb unserer Gesellschaft stattfinden. Das Kollektiv muss aufhören über den Selbstmord in Kategorien wie, mutig, feige oder traurig, zu denken und zu reden, und stattdessen der Thematik eine völlig andere Haltung einnehmen - eine Haltung, die gegenüber der Problematik an sich, und der Häufigkeit der Suizide innerhalb der Gesellschaft, mehr Bewusstsein schafft, damit Personen mit Suizidgedanken, die Scham genommen wird, und sie sich eventuell öfter trauen, sich Hilfe zu suchen. Und wenn dies auch nur auf eine von 100 Personen zutreffen sollte, damit wäre dieser einen Person geholfen, und man war dazu in der Lage ein Menschenleben „zu retten“.


Telefonseelsorge: 0800 1110111

Hilfe an der Viadrina: https://www.europa-uni.de/de/struktur/zse/zsb/psychologische_beratung/index.html

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