• wearedrina

Interview mit Lilly Blaudszun

Lilly Blaudszun – ein Name der in den letzten Monaten immer wieder durch die Medien ging. Als junges und aufstrebendes Mitglied der Jusos (Junge Sozialdemokraten, SPD) wurde sie schnellbekannt. Nun ist sie hier in Frankfurt (Oder) an der Viadrina und studiert Jura. “So ganz nebenbei” ist sie aktiv in den Sozialen Medien und veranstaltet Livestreams in Corona-Zeiten über ihren Instagram-Account mit bekannten Politiker*innen wie Manuela Schwesig, Kevin Kühnert und Katarina Barley. Dann kommen ja auch noch Initiativen in der Uni, Hobbys, Familie und Freunde, Zeit für sich selbst dazu, wobei gerade das Studium der Rechtswissenschaft nicht mit wenig Aufwand verbunden ist. Da stellt sich einem die Frage, wie man das alles unter einen Hut bekommt?


Du musst viel unter einen Hut bringen. Dein Jura-Studium, die Arbeit beim Bundestag, Twitter und Social Media. Bleibt da auch noch Zeit für Hobbys, Freunde, Freizeit, Netflix und Co.?

Ja, zum Glück! Und wenn ich sie manchmal nicht habe, nehme ich sie mir sehr bewusst. Man kann so ein Pensum nur leisten, wenn man einen guten Ausgleich hat.

Bei dir scheinen Privatleben und Politik eng miteinander verbunden. Ist da eine Trennung möglich und willst du das überhaupt?

Ich zeige viel aus meinem Privatleben, halte aber auch einiges zurück. Denn im Gegensatz zu mir hat sich beispielsweise meine Familie nicht dazu entschieden, in der Öffentlichkeit zu stehen. Das respektiere ich und möchte sie auch gezielt schützen. Es ist nicht immer einfach und als linke Politikerin bestimmt auch nicht immer sicher, auch davor möchte ich sie verschonen.

Siehst du dich als Vorbild? Wie achtest du darauf in deinem Alltag?

Einzuschätzen, ob ich Vorbild bin, ist nicht meine Aufgabe. Ich bin mir aber durchaus bewusst, dass ich eine große Reichweite habe – beispielsweise im Dezember habe ich 2 Millionen Menschen alleine auf Twitter erreicht. Das bedeutet für mich natürlich eine enorme Verantwortung, der ich auch gerecht werden möchte. Ich lasse mich davon aber nicht verbiegen oder sage deshalb weniger klar meine Meinung. Am Ende bin ich ein ganz normaler junger Mensch – auch ich mache Fehler, auch ich gehe gerne feiern und auch mich seht ihr mit Mate und Döner in der Hand über den Campus laufen. Der Unterschied bei mir ist, dass ich all das deutlich öffentlicher tue als viele andere.

Warum Jura-Studium? Warum Frankfurt (Oder)?

Es gibt wohl kein Studium, das so umfänglich ausbildet und so viele Möglichkeiten bietet

wie Jura! Um ehrlich zu sein, wollte ich in meinem Leben schon alles werden: Ärztin,

Agrarwissenschaftlerin und sogar Pastorin. Ich habe mich dann jedoch für Jura

entschieden, weil man ein wahnsinnig breites Wissen über unser Zusammenleben erlangt. Bisher hatte ich zumindest noch keine Zweifel an meiner Wahl, das gilt auch für die Uni! Vor drei Jahren habe ich im Praktikum meinen jetzigen Kollegen kennengelernt, der auch an der Viadrina studiert hat und mich auf sie aufmerksam gemacht hat. Die Uni passt sehr gut zu mir und meinem Leben. Ich wollte aus Mecklenburg-Vorpommern weg, aber nicht zu weit weg, damit ich oft bei meiner Familie sein kann. Klar war für mich auch, dass ich in der Nähe von Berlin studieren möchte, damit ich dort arbeiten kann, auch, wenn ich kein Mensch bin, der dort gerne leben würde. Ein weiterer Pluspunkt ist natürlich auch die internationale Ausrichtung der Uni, weiter als in den eigenen Grenzen zu denken, hat mich schon immer geleitet. Ich kann jetzt nach über 6 Monaten sagen, dass ich mich gut eingelebt habe und sehr wohl fühle.


Du bist selbst viel am pendeln, zwischen FFO, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Was hältst du davon? Ist es dir manchmal zu viel?

Mein Vorteil ist, dass ich alles, was ich mache, standortunabhängig tun kann. Ob ich mit meinem Laptop an meinem Schreibtisch oder in einem Zug sitze, ist mir persönlich völlig egal. Ich versuche auf jeden Fall, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Das Pendeln zur Arbeit bringt leider aber auch mit sich, dass ich oft wirklich früh losfahren muss, weshalb ich die Fahrt mit dem RE1 offen gestanden manchmal einfach nur zum Schlafen nutze. Für uns Studierende ist es natürlich ein riesiger Vorteil, immer relativ schnell nach Berlin zu kommen. Zur Uni zu pendeln wäre aber echt nichts für mich, da ich immer spontan zum Campus oder zur Bib können möchte. Ich habe mich für eine räumliche Trennung zwischen Arbeit und Politik und Uni und Privatleben entschieden, die mir privat und meinem Studium auch sehr guttut.

Und wie siehts mit dem studentischen Leben und Initiativen aus? Kannst du überhaupt richtig am Leben an der Uni teilnehmen? Hast du das Gefühl du verpasst was?

Um ehrlich zu sein, kann ich nicht so viel machen, wie ich gerne würde. Die Viadrina hat ein ziemlich starkes Angebot, von dem ich wirklich gerne mehr wahrnehmen würde. Bei mir ist es aber oft einfach so, dass ich dann vor der Entscheidung stehe, ob ich den oft einzigen freien Abend wirklich für ein Treffen hergeben möchte oder ihn nutze, um einfach mal runter zu kommen und durch zu atmen. Alles gleichzeitig zu machen, funktioniert nicht, wenn man dauerhaft ein relativ hohes Pensum und keinen Bock auf Burnout hat. Meistens wird es deshalb zweiteres, aber man trifft mich auch bei den Jusos oder natürlich auch in den Frankfurter Clubs oder der WG Bar.

Gebürtige “Ossi”, jetzt FFO

Wofür steht der Osten, wofür der Westen? Glaubst du es wird in näherer Zukunft mal keine “Ossis” und “Wessis” mehr geben? Was kann man tun?

1989 wurden die Himmelsrichtungen nicht abgeschafft und auch die Ungerechtigkeiten nicht. Ich finde, dass man nicht genug über Osten und Westen sprechen kann. Wir müssen den Westen viel stärker in die Pflicht nehmen, wenn es darum geht, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Das wurde politisch viel zu lange vernachlässigt.


FFO als Kontrast (AFD/linker OB, mittelalterliche Kirchen/Oderturm)

Was wünscht du dir für die Stadt?

Offen gestanden werde ich oft nicht schlau aus dieser Stadt und mache mir viele

Gedanken. Dieser Gegensatz zwischen den vielen AfD-Wähler*innen und dem linken

Oberbürgermeister verwirrt mich. Ich freue mich aber, in den nächsten Semestern noch

mehr über die Stadt, ihre Geschichte und die Menschen hier zu erfahren. Es ist nicht so

mein Ding und ich möchte mir auch das Recht nicht rausnehmen, von außen etwas zu

bewerten, das ich selbst nicht nachvollziehen kann und noch nicht gut kenne – das

überlasse ich anderen. Mein Wunsch aber gilt für alle Orte: ich möchte, dass wir gut,

unvoreingenommen und fair miteinander umgehen.

Jägerschnitzel oder Ketwurst?

Harte Frage! In dem Ort, in MV, aus dem ich komme, gibt es einen Ketwurststand, der eine eigene Facebook-Fangruppe hat. Gegen deren Ketwurst kommt wenig an, deshalb leichter Vorsprung für Ketwurst.

SPD, Jusos und Kevin Kühnert

Wann hören die Jusos auf und wann fängt die SPD an?

Wir Jusos sind Teil der SPD. Wir versuchen immer, junge Perspektiven in die Partei zu tragen und dabei radikal zu sein, aber nicht im Sinne von gewaltsam. Für uns bedeutet es, nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern die Dinge von Grund auf anzugehen, sie an der Wurzel zu packen. Ich glaube, als Sozis sind wir alle durch unsere Überzeugungen geeint. Wir sehen die Ungerechtigkeiten und können es nicht akzeptieren, dass die Welt bleibt, wie sie ist. Das gilt am Ende sowohl für Olaf Scholz als auch Kevin Kühnert.

Warum SPD? Was ist diese Partei für dich? Was schätzt du an ihr? Was nicht?

Ich bin 2017 in die Partei eingetreten. Die SPD steht dafür, dass es wichtig ist wohin du möchtest und egal ist, woher du kommst oder wer deine Eltern sind. Jeder soll im Leben erreichen können, was er möchte: Abitur machen, studieren oder eine Ausbildung machen, eine Karriere anfangen. Alle sollen die gleichen Chancen haben, den Aufstieg schaffen zu können. Das ist für mich Sozialdemokratie, das fasziniert mich. Klar find ich das Verhalten der SPD manchmal auch schwierig, das war z.B beim „Geordnete-

Rückkehr-Gesetz“ so. Wenn ich eine Partei haben möchte, die immer macht, was ich möchte, müsste ich mir eine eigene Gründen. Ich möchte lieber für eine bessere SPD kämpfen und diese „Jetzt erst recht“-Haltung in die Partei tragen.

Was ist für dich einer der unvergesslichsten Momente seitdem du für die SPD und die Jusos Influencerin bist? Was heißt Influencerin überhaupt für dich? Siehst du dich als eine? Oder bist du Politikerin?

Es gab nie die bewusste Entscheidung, Influencerin zu sein – wenn man mich überhaupt so bezeichnen will. Wie die meisten von uns Studierenden bin ich eben in den sozialen Netzwerken aktiv, äußere auch da meine politische Meinung und unterhalte meine Follower. Ich bin ein politischer Mensch, offline wie online. Die Bezeichnung ist für mich nicht relevant.

„Hoffnung der SPD“, Was heißt das für dich? Fühlst du dich durch diese Bezeichnung unter Druck gesetzt?

Das mit der Nachwuchshoffnung schreiben in letzter Zeit viele. So richtig kann ich mich mit dem Begriff nicht anfreunden, vor allem weil es so unglaublich viele coole junge Menschen gibt, die sich mega stark engagieren. Ich habe halt eine eher lockere Art Politik zu machen, das sind die meisten Menschen – und auch Journalist*innen – nicht von Politik gewohnt.


Hate Speech, Sexismus, Diskriminierung im Netz - Hast du selbst schon Erfahrungen gesammelt und wie gehst du damit um?

Im Gegensatz zu anderen Politiker*innen wird mit mir aus meiner Sicht noch ziemlich

human umgegangen. Aber auch ich hatte schon Shitstorms, bei denen ich zum

Selbstschutz die entsprechenden Netzwerke mehrere Tage nicht besucht habe. Gerade,

wenn man sich antifaschistisch äußert, ist die Wucht, die einem von rechter Seite

entgegenkommt, enorm. Ich habe zum Glück mit der Zeit gelernt, damit umzugehen. Ich

mache mir dann klar, dass es nicht um mich persönlich, sondern meistens um meine

politischen Positionen geht. Ich lass nur konstruktive Kritik an mich ran, den Rest blocke

ich rigoros ab.

Kannst du ein Thema benennen, was für dich momentan das wichtigste und

medienrelevanteste sein sollte? Stichwort: Klimawandel, FFF (Fridays for Future), Mietendeckel, Corona, Krieg etc.

Wenn wir den Zusammenhalt und das aufeinander Achtgeben an die erste Stelle unseres Zusammenlebens und Diskurses setzen, können wir Antworten auf den Klimawandel, die Frage der gleichwertigen Lebensverhältnisse in Ost und West, Corona und die Zukunft der europäischen Union geben. Bei allem, was uns unterscheiden mag, sollten wir als Gesellschaft zusammenrücken und uns nicht jeder für sich, sondern alle gemeinsam den Herausforderungen unserer Zeit stellen.

Anwältin oder Politikerin? Wie soll deine Zukunft aussehen?

Mein Fokus liegt auf meinem Studium. Was danach kommt, steht völlig offen. Ich habe

noch so viel Zeit und das alles für mich auch noch nicht entschieden.

Das Interview führte am 01.04.2020 Daniel Reinhardt in Zusammenarbeit mit Gesche Andert.

Findet Lilly auf Instagram: @lillyblaudszun

351 Ansichten

Gefördert durch: 

© 2019 by wearedrina.eu