• Mohamad Naanaa

Lesbos: Eine Insel, die auch Hölle genannt wird

Aktualisiert: Okt 22

„Hölle“ nennen die Bewohner*innen das Flüchtlingslager in Moria auf der Insel Lesbos: Es ist laut im Camp, überall sind Schreie zuhören - Bewohner*innen, die sich streiten. Ratten laufen zwischen Zelten hin und her. Im heißen Sommer schützt das Zelt nicht vor Sonnenlicht und im Winter kann es entweder vom starken Regen einsinken oder wegfliegen, wenn es stürmt.

Laut den Statistiken der auf der Insel tätigen Organisationen sind in diesem Sommer fast 7.000 Menschen verschiedener Nationalitäten auf Lesbos angekommen. Die Zahl der im Lager Moria lebenden Personen hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Über 13.000 Personen leben hier, das schätzen Organisationen vor Ort, obwohl das Lager nur für 3.000 Menschen gebaut ist.

Aus diesem Grund wurden die Geflüchteten für fast zwei Jahre auf Olivenfelder ausgelagert, die genau gegenüber dem Lager von Moria liegen. Hier stehen Zelte und nichts weiter.

Früher war Griechenland für viele Geflüchtete der Beginn ihrer Flucht durch Europa. Doch nachdem die Grenze nach Mazedonien geschlossen wurde, mussten sie in Griechenland bleiben. Mit der Eskalation des Flüchtlingszuges aus der Türkei auf die griechischen Inseln in den letzten zwei Monaten ist die katastrophale humanitäre Lage der dortigen Geflüchteten explodiert.

Mit der großen Anzahl von Geflüchteten im Kamp Moria hat man gar keine Chance, ein normales Leben anzufangen, es geht dort nur ums Warten. Wenn man sich duschen möchte, muss man ein paar Stunden warten, weil man sich die Dusche mit 200 anderen Personen teilt. Es ist schwer zu glauben, dass die Geflüchteten mindestens vier oder fünf Stunden vor der Verteilung jeder Mahlzeit warten müssen, um Essen und Wasser zu bekommen. „Das Essen ist richtig eklig“, sagt Abdul. „Oft wurde uns schon schimmliges oder ungekochtes Essen gereicht.“ Zum Frühstück gibt es ein Croissant und für den ganzen Tag sind drei Liter Wasser vorgesehen - für viele zu wenig, wenn die Sonne den ganzen Tag auf das Camp prallt.

Sowohl in den Containerhäusern als auch in den Zelten bestehen die niedrigsten Sicherheitsstandards: In der vergangenen Woche sind sieben Containerhäuser wegen eines elektrischen Kurzschlusses abgebrannt, was zum Tod einer afghanischen Frau und ihres kleinen Kindes geführt hat. „Es war das schlimmste Feuer, das ich in meinem Leben gesehen habe“, sagt Tarek. Zeugen*innen bestätigten, dass solche Fälle fast jährlich auftreten. Trotzdem arbeitet die Heimverwaltung nicht an einer Verbesserung der Sicherheitsstandards im Lager.

Die größten Probleme in Griechenland sind nicht nur die Bedingungen in den Flüchtlingslagern, sondern auch die Asylverfahren. Die meisten Geflüchteten müssen monatelang oder sogar jahrelang in griechischen Lagern bleiben, so wie es bei Samer der Fall ist. Samer will seinen richtigen Namen in der Zeitung nicht nennen. Er ist ein junger Syrer, der vor zwei Jahren nach Lesbos kam und seitdem im Lager Moria lebt. "Ich verstehe nicht, warum wir so unmenschlich behandelt werden", sagt er. "Tiere haben mehr Rechte als die Menschen, die hier leben." Samer muss bis 2021 auf eine Anhörung mit den griechischen Behörden warten und bis dahin muss er in dieser Hölle bleiben, wie er Moria nennt. „Ich hatte große Hoffnungen, nach Europa zu kommen, aber diese Insel hat all meine Hoffnungen in große Schmerzen verwandelt. Ich verlor den Wunsch zu leben“ sagte er. Samer ist nicht der einzige - Tausende wünschen sich einen sichereren Ort, was genau der Grund ist, weshalb sie aus ihrer Heimat geflohen sind.

Eines der größten Probleme betrifft die Kinder und Jugendlichen. 42 Prozent der Camp Bewohner*innen sind unter 18 Jahre alt. Die meisten von ihnen können wegen der geringen Kapazitäten nicht zur Schule gehen und leiden unter psychischen Erkrankungen.

Einen Lichtblick gibt es auf der Insel Lesbos, der das Leiden der Geflüchteten lindert: das Community Center “One Happy Family“. Erwachsene spielen Fußball, Basketball, Volleyball oder rauchen Shisha im Café. Kinder malen mit Wasserfarben. Die Gesichter hier lächeln und die Menschen fühlen sich für kurze Zeit wohl. Die Kinder können hier zur Schule gehen, einfach nur Kind sein. „Ich freue mich sehr, dass ich hier weiter zur Schule gehen kann und neue Freunde kennenlernen darf“, sagt der neunjährige Ismail.

Die Organisation wurde Anfang 2017 von einer Schweizer Initiative und sechs Freiwilligen auf der griechischen Insel Lesbos gegründet. Ricky, ein deutscher Staatsbürger, der anderthalb Jahre freiwillig in dieser Organisation als Koordinator gearbeitet hat und jetzt im Vorstand ist, sagt: „Wir wollen Flüchtlingen nicht helfen, sondern mit ihnen zusammenarbeiten. Unsere Projekte initiieren die Bewohner hier selbst.“ Rund 1.000 Menschen kommen pro Tag in das Community Center. Finanziert wird es hauptsächlich aus privaten Spenden aus Europa. Ricky wünscht sich, dass es mehr Solidarität aus Europa mit den Geflüchteten in Griechenland gäbe. „Anders können wir die Situation nicht bewältigen“, sagt er.

Es scheint, als ob es keine Lösungen für die Situation der Geflüchteten auf den griechischen Inseln gibt und dass das Leiden der Bewohner*innen im bevorstehenden Winter noch größer werden könnte. Kommt dann jemand zur Rettung oder ist es für niemanden mehr von Bedeutung?

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