• Nathalie Trappe

White Privilege: Der Rucksack im Regen

Aktualisiert: Mai 19


Wie beginnt man einen solchen Artikel? Vielleicht mit einer Aussage von ZEIT ONLINE als Reaktion auf die unbestreitbar abartige Wiederholungsausstrahlung von Die letzte Instanz im WDR: „Rassismus ist nicht debattierbar“. Nein, und das sollte es 2021 auch schlichtweg nicht mehr sein. Doch ein annäherndes Grundwissen über diskriminierende Aussagen und die damit verbundene Bedeutungsmacht von Sprache scheint noch immer nicht zum Verständnis der breiten Masse zu gehören. Daran zu arbeiten sollte aber unser aller Pflicht sein.


Die meisten kennen wahrscheinlich mittlerweile die WDR-Sendung Die letzte Instanz – leider. In der Talkrunde argumentierten vier weiße Menschen sowie ein weißer Moderator zum Thema Rassismus und verteidigten zu allem Überfluss sogar rassistische Begrifflichkeiten. Wie viel besser hätte man die Aufmerksamkeit nutzen können, die das nach sich zog. Ein gutes Fallbeispiel allerdings für das Thema unseres ersten Beitrages der Reihe Rassismus verstehen: White Privilege.

Beginnen wir auf sprachlicher Ebene. Der Duden definiert ein Privileg als „einem Einzelnen, einer Gruppe vorbehaltenes Recht, Sonderrecht“. White wiederum steht für Weiß-sein als soziales Konstrukt, das erst im 17. Jahrhundert durch den biologischen Rassenbegriff aufgestellt wurde. In den folgenden Jahrhunderten wurde die sogenannte Rassentheorie fortlaufend als Rechtfertigung für Unterdrückung und Ausbeutung, lediglich auf Grundlage phänotypischer Merkmale, genutzt. Weiß-sein gilt bis heute im sozialen Gesellschaftssystem als die unsichtbare Norm, von der Menschen, die nicht als Weiß wahrgenommen werden, abzuweichen scheinen.

White Privilege meint also ein Sonderrecht, das Menschen zusteht, die in unserer Gesellschaft als Weiß wahrgenommen werden. Populär wurde dieser Terminus in den Veröffentlichungen von Peggy McIntosh in den 1980er Jahren. Hierin wurde Weiß-sein als unsichtbarer Rucksack beschrieben, der eine Reihe an Vorteilen trägt, die weiße Menschen jeden Tag nutzen können, ohne überhaupt davon Kenntnis zu nehmen. In einer Liste mit 46 Privilegien beschrieb McIntosh, was sie jeden Tag tut, ohne es sich verdient zu haben. Darin finden sich Dinge wie:

„Wenn ich juristische oder medizinische Beihilfe brauche kann ich mir sicher sein, dass meine „Rasse“ mich dabei nicht behinder[t]n wird“.

„Ich kann Make-Up oder Pflaster in „Hautfarbe“ kaufen und sicher sein, dass sie mehr oder weniger der Farbe meiner eigenen Haut entspricht“.

Aus diesen Aussagen folgt allerdings kein individuelles Problem, welches den ein oder anderen Alltag verändert. Beim White Privilege geht es vielmehr um eine gesellschaftliche Struktur, die sich in ganz verschiedener Weise auf Menschen auswirkt und die wir anerkennen müssen, um Veränderungen anzustoßen. Rassismusexpertin Tupoka Ogette schreibt dazu in ihrem Buch Exit Racism: „Und einfach dadurch, dass Du in dieser Welt lebst, wurdest Du Teil des Systems“. Bildlich kann man sich das wie eine Art Wasserkreislauf vorstellen, in dem der Regen Rassismus ist. Der Regen bewässert die Erde und bietet einigen Regionen dabei mehr Ressourcen als anderen. Die Verdunstung des Regens ist White Privilege: Eine Folge des Regens und ebenso sein fortlaufender Antrieb.

Doch leider ist diese ganze Ideologie nicht nur Teil einer vergangenen Gesellschaft, sondern lebt weiter in den Machtstrukturen des 21. Jahrhunderts. Laut einer amerikanischen Studie des Pew Research Centers sind lediglich 49 Prozent der weißen Bevölkerung der Meinung, „erheblich“ (in der Umfrage „a great deal“) von Vorteilen zu profitieren, die PoC* von der Gesellschaft verwehrt werden.

Kurzer Exkurs: White fragility. Menschen, die als weiß wahrgenommen werden, empfinden es als ungewohnt, nicht als Individuum, sondern lediglich aufgrund ihrer Hautfarbe wahrgenommen zu werden. Zudem fühlen sich viele vom Begriff Privileg angegriffen, da oft das Gefühl entsteht, diese Menschen hätten in ihrem Leben kein Leid oder Diskriminierung erfahren. Was dabei häufig vergessen wird ist, dass diese fehlenden Privilegien wiederum genauso eine Erfahrung von Menschen sein kann, die zusätzlich aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Um solche Aussagen ausschließen zu können, sollten Themen wie White Privilege stets intersektional gedacht werden. Einen spannenden Artikel zur Intersektionalität findet ihr hier.

Was bei all dem wichtig ist? Alles eigentlich. Zuallererst jedoch geht es darum, sich selbst zu überdenken und anzuerkennen, dass Rassismus für niemanden angenehm ist und auch nicht sein soll. Rassismus verstehen ist es deshalb umso weniger. Natürlich ist es zunächst einfach, Benennungen für andere Menschen aus den Normen vorheriger Generationen zu übernehmen, wenn man selbst nie kategorisiert wurde. Denn Weiß-sein wird im öffentlichen Diskurs oft schlichtweg ersetzt durch Mensch-sein. Umso länger man über diese Aussage nachdenkt, desto absurder scheint es. Gerne würde ich mir – wie sicherlich viele andere weiße Menschen – wünschen, diese Denkstruktur abschaffen zu können. Die ernüchternde Erkenntnis, dass das nicht möglich ist, mag ein weiterer unangenehmer Punkt in antirassistischer Arbeit sein. Das muss es aber nicht. Denn der Mensch – über alle Kategorien hinweg – hat ein vielschichtiges Denken.

Ich bin weiß. Ich möchte nicht rassistisch sein. Das System, in das ich geboren worden bin, macht mich aber – wenn auch unbewusst – in gewisser Weise rassistisch. Und vor allem privilegiert. Was ich tun kann ist, diese Struktur anzuerkennen und daraus folgendes Verhalten und Denken zu reduzieren.Ich kann mit Betroffenen in den Diskurs treten. Ich kann andere Menschen auf Fehlverhalten hinweisen. Ich kann und möchte mich diesem Prozess stellen, auch wenn er wehtut. Bis wir einen Weg gefunden haben, Verdunstung zu stoppen.



Anmerkung: In diesem Text wird weiß und Weiß-sein kursiv gedruckt, um auf die konstruierte Natur des Begriffs aufmerksam zu machen.



Natürlich würden wir gerne insbesondere Betroffenen hier die Möglichkeit geben, gehört zu werden, da wir dem sonst eben so homogenen Diskurs entgegenwirken möchten. Du/Ihr möchtet euch mit Beiträgen beteiligen? Dann schreib uns über Instagram, Facebook oder an wearedrina@europa-uni.de.


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