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Reisetagebuch USA

Alice Deguelle


Wir sitzen auf einem Parkplatz, während neben uns auf dem Highway die Riesen-Laster entlang rasen. Es ist 22:30 Uhr und das Lokal, in dem wir waren, macht gerade zu. Die Luft ist immer noch heiß, aber es weht eine leichte Brise. Oder vielleicht ist es doch der Fahrtwind der LKWs. Texas lädt zum Träumen ein. Die weiten Himmel und Landschaften, die sanften Hügel, die Sommergewitter und die Neonreklamen der Fast Food Restaurants. Meine prägendsten Eindrücke von Texas hatte ich bisher aus „Friday Night Lights“ und „Preacher“ und obwohl diese Eindrücke eigentlich nicht unterschiedlicher sein könnten, sind sie doch beide wahr. Dieses Gefühl habe ich in den USA oft. Einen Ort zu kennen, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Wenn ich darüber nachdenke, wie lang es für mich dauert, mich an anderen Orten zu Hause zu fühlen, stechen die USA immer als ein Ort heraus, an dem ich sofort zu Hause bin.

Wir sind in New Orleans und stehen vor einer Flutmauer. Der Mississippi dahinter hat die Stadt schon zu oft zerstört, als dass die Menschen noch mit dem Fluss leben könnten. Es gibt nur zwei Stellen im Inneren der Stadt, wo der Fluss nicht hinter einer Mauer liegt. Das letzte Mal, während des Hurrikans Katrina, hatte eine große Reederei eines ihrer Schiffe nicht umgesetzt, welches dann die Mauer durchbrochen hat – in einem der ärmsten Viertel der Stadt. Die meisten anderen Viertel hat es weniger schlimm erwischt. Das ist für mich eine sehr US-amerikanische Geschichte. Der Zufall und die Naturgewalten treffen immer die Ärmsten, die am wenigsten weißen.

Ich bin in Dallas und es wird dunkel. Tagsüber habe ich mir die Stelle angesehen, wo John F. Kennedy erschossen wurde. Die Straße ist praktischerweise mit zwei Kreuzen markiert, an den Orten, wo die Kugeln ihn trafen. Jemand wollte mir erklären, welche Verschwörung dazu geführt hat, dass Kennedy sterben musste, aber 5 Dollar waren mir für die Wahrheit zu teuer. Stattdessen bin ich in den Souvenirladen gegangen und habe eine Postkarte gekauft, auf der die blutbespritzte Jackie Kennedy abgebildet ist.

In Memphis stehe ich wieder am Mississippi. In dieser Stadt starb Martin Luther King Jr. Vor dem Museum, das zu seinen Ehren im Lorraine Motel (vor dem er 1968 erschossen wurde) entstand, steht eine Frau mit einem Proteststand: ‚Honor MLK‘s memory, make the Lorraine Motel a place for homeless and impoverished people.‘ Der Protest ist nicht unbegründet, aber letztendlich fruchtlos. Natürlich war die Bürgerrechtsbewegung eine Bewegung für Arme und Arbeiter*innen - MLK war 1968 in Memphis um streikende schwarze Arbeiter*innen zu unterstützen - die Erinnerung an sie dient aber einem anderen Zweck: der US-amerikanischen Identitätsbildung. Die Frau steht schon seit 23 Jahren dort.



In St.Louis sehe ich den Mississippi zum letzten Mal. Ich sitze in einem teuren Country Club, die Golf-Masters waren schon mal dort, der Club hat seine eigene Wikipedia Seite und ist mit teuren Antiquitäten eingerichtet. Michael, der Ehemann einer alten Freundin, erzählt mir, er habe seinen Doktor in Moralphilosophie aufgegeben, weil die US-amerikanischen Akademiker*innen ein Problem mit ungelösten Fragen haben. Die Philosophie, meint Michael, diene in den USA nur der Bestätigung bestimmter Werte. Mittlerweile studiert er Jura.

Ich fliege nach Charlotte, North Carolina, und frage mich schnell, warum ich beschlossen habe, zwei Nächte dort zu bleiben. ‘The Nr. 1 tourist spot in Charlotte’ ist die ‘Billy Graham Library’. Billy Graham war wahrscheinlich der berühmteste Fernseh-Prediger, den es jemals gab, nach seinem Tod wurde er im Kapitol aufgebahrt, damit die Nation sich verabschieden kann. Er glaubte natürlich daran, dass Homosexualität eine Sünde sei und Frauen an den Herd gehören. Ich schaue mir also seine ‘Library’ an. Es ist eine Art Museum. Es gibt einen ganzen Raum, der der Berliner Mauer gewidmet ist, weil Billy Graham mal in Ost-Berlin gepredigt hat und sich nun damit brüstet, geholfen zu haben, die Mauer einzureißen. Nach diesem Raum gehe ich. Im Kopf führe ich die Liste der US-Amerikaner weiter, die glauben, die Mauer zerstört zu haben: Ronald Reagan, David Hasselhoff, Billy Graham. Der Ausgangspunkt jedes Weltereignisses sind die USA.

In Washington D.C. endet meine Reise und mein Verständnis. Die USA liegen mir am Herzen, ich habe hier gelebt und einige meiner besten Freundinnen leben hier und kommen hierher. Ich bin gern hier und liebe besonders die Südstaaten sehr, wegen ihrer Freundlichkeit und dem Gefühl, angekommen zu sein. Sie haben eine sehr spezielle Magie, die mich anspricht. Aber in einer Planstadt, die von versklavten Menschen in einen Sumpf gebaut wurde, nur um zu demonstrieren, wie großartig und frei das Land ist, in dem sie steht, ist von dieser Magie nichts mehr zu spüren.

Hier offenbart sich das, was mich immer wieder die Stirn runzeln lässt, mich grundsätzlich an Land und Leuten zweifeln lässt: Dieser äußerst unsicher wirkender Patriotismus, der keine Widersprüche und Komplexitäten zulassen kann, weil er daran zerbrechen würde. Wenn Thomas Jefferson, der die Verfassung geschrieben hat, Sklaven gehalten hat, dann war er ‘einer der guten Sklavenhalter’.

Wenn dieser Billy Graham klug und einflussreich war, dann kann er sich ja nicht irren, wenn es um Frauen und Homosexualität geht. Wenn Dr. Martin Luther King Jr. gegen so definierende Eigenschaften von den USA wie Segregation, Armut und Ungleichbehandlung gekämpft hat, dann hat er nicht gegen die US-amerikanische Gesellschaft gekämpft, sondern natürlich für den uramerikanischen Wert der Freiheit.

Die Moral (von) jeder Geschichte über die USA ist, dass die USA großartig sind.

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