• Mohamad Naanaa

Von Damaskus nach Frankfurt (Oder)

Die Heimat ist meist auch ein Zuhause, aber kann ein Mensch sein Zuhause fühlen, wenn er gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen?

Was ist, wenn du eine große Familie hast und du das jüngste und verwöhnteste Kind unter deinen Geschwistern bist und plötzlich befindest du dich in einem neuen Land, dessen Kultur sich von der Kultur deines Landes völlig unterscheidet und dessen Sprache schwer zu erlernen ist? Was ist, wenn du derzeit in Sicherheit lebst und alle Grundbedürfnisse erfüllt sind, deine Eltern und dein Bruder jedoch immer noch auf der griechischen Insel Samos festsitzen müssen, ohne ihr Schicksal zu kennen?

Shefaa Alfrag ist ein syrisches Mädchen, das vor etwa sechs Jahren nach Deutschland gekommen ist und derzeit mit einer deutschen Familie in Frankfurt (Oder) lebt.


Shefaa wurde in der syrischen Hauptstadt Damaskus in eine große Familie geboren. Sie ist mit sieben Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen. Shefaa ist die jüngste von ihnen. Sie musste ihre Heimat verlassen, nachdem sie ihr Abitur gemacht hatte und ihr Ziel war es, nach Deutschland zu kommen, um hier ihr Studium abzuschließen. Natürlich war die Entscheidung, ihre Familie zu verlassen und alleine nach Deutschland zu kommen, nicht einfach. Ihr Fluchtweg war auch nicht einfach. Es dauerte ungefähr zwei Monate, bis sie in München ankam. Danach wurde sie nach Eisenhüttenstadt, dann nach Fürstenwalde Spree, und schließlich nach Frankfurt (Oder) umgezogen.

Shefaa war die erste ihrer Geschwister, die vor sechs Jahren nach Deutschland kam. Im Laufe der Zeit konnten vier ihrer Schwestern ebenfalls nach Deutschland kommen. Sie alle leben in verschiedenen Städten. Shefaa lebt heute bei einer deutschen Familie in Frankfurt (Oder). Sie bezeichnet diese Familie als eine zweite Familie und ist dankbar für die Unterstützung, die sie von der Familie erfahren hat. Sie sagt: ,,Ich freue mich sehr, dass ich diese Familie kennengelernt habe“.


Shefaa hat Deutsch gelernt und hat bereits ihre Berufsausbildung als Sozialassistentin beendet. Nun befindet sie sich in ihrem dritten Jahr ihrer Berufsausbildung als Erzieherin. Sie arbeitete lange Zeit als Freiwillige, um Familien bei Übersetzungen zu helfen. Im Ramada Hotel in Frankfurt (Oder) arbeitete sie als Deutschlehrerin für Kinder und Jugendliche und seit einem Jahr arbeitet sie als Familienhelferin bei Flexible Jugendarbeit Frankfurt (Oder) e.V.

Trotz aller Erfolge, die Shefaa in Frankfurt (Oder) erzielt hat, hat sie auch einige rassistische Situationen durchlebt, die sie in ihrem Leben wohl nicht mehr vergessen wird. Eine dieser Situationen war vor einigen Monaten auf dem Weg zurück nach Hause. Zwei Männer spuckten sie an und beleidigten sie, weil sie ein Kopftuch trägt. Shefaa erinnert sich: „Ich hatte große Angst und weinte. Leider kamen keine Menschen, um mir zu helfen, bis ein arabischer Mann kam und mich fragte, wer mich beleidigt hatte.“


Shefaas Fluchtweg war nicht so umständlich wie der ihrer Eltern und ihres Bruders. Sie sitzen seit einem Jahr auf der griechischen Insel Samos fest! Nach sieben Jahren Trennung konnte Shefaa ihre Eltern wieder treffen, als sie diese Anfang des Jahres im Flüchtlingslager besuchte. Shefaa drückt den Moment des Treffens mit den Worten aus: „Ich hatte ein seltsames Gefühl, als ich meinen Eltern nach all den Jahren traf. Ich kann es nicht klar beschreiben, aber so etwas ist, als wäre ich wiedergeboren.“ Shefaa wollte nochmal ihre Familie auf Samos besuchen, aber wegen der Covid-19 Pandemie musste sie ihre Reise absagen.

Shefaa war schockiert darüber, wie die Flüchtlinge dort lebten: „Es ist fast unglaublich, die Zahl ist sehr groß und meine Familie wohnte in einem einfachen Zelt, obwohl mein Vater an vielen Krankheiten leidet, aber es gibt nicht genug medizinische Versorgung. Mein Vater muss stundenlang in der Schlange stehen, um die notwendige Behandlung und Nahrung zu bekommen. Es ist sehr schlecht, es gibt nicht genug Wasser, keine Badezimmer und im Winter gibt es keine Heizung.“


Es ist bekannt, dass die Lebensbedingungen der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln katastrophal sind. Das Flüchtlingslager auf Samos hat in den vergangenen Monaten viele Brände erlebt und viele Flüchtlinge haben dadurch ihre Zelte verloren. Shefaa ist jedes Mal nervös, wenn ein Feuer im Lager ausbricht. Sie kann nicht schlafen, bis sie sicher ist, dass es ihrer Familie gut geht und sie nicht verletzt sind. Sie sagte: ,,Ich habe das Gefühl, dass mein Körper in Frankfurt (Oder) ist, aber meine Gedanken und mein Herz bleiben bei meiner Familie auf Samos.“


Shefaa fühlt sich in Frankfurt (Oder) trotz der Schwierigkeiten und einiger rassistischer Situationen wohl und hofft, dass Menschen sie nicht nur nach ihrem Kopftuch beurteilen. Shefaa wünscht sich mehr Dialog zwischen den Menschen, um gegenseitiges Verständnis aufzubauen, ein Zusammenleben zu fördern und Vorurteile abzubauen. Sie fügt hinzu: „Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich Sicherheit suche und Frieden, was ich in meinem Heimatland verloren habe. Wir sind nicht hierhergekommen, wie manche behaupten, um Geld zu bekommen oder um Arbeitsmöglichkeiten zu stehlen ...“


Shefaas größter Wunsch ist es, ihre Familie in einem Haus wiederzusehen und in Sicherheit zusammen zu leben, um Erinnerungen an die Vorkriegszeit in Damaskus, diesmal jedoch in Frankfurt (Oder), zurückzubringen.

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