• Dennis Müller

Was ist eigentlich im Fußball los? Von protestierenden Fans in Europa bis zur WM in Katar




Tote Arbeiter:innen in Katar, Platzsturm in Manchester und Fanproteste vor der Stamford Bridge. Der Fußball erlebt in den letzten Wochen und Monaten turbulente Zeiten. Schuld daran sind unter anderem die Folgen der WM-Vergabe an Katar, die mittlerweile gescheiterte Bildung einer elitären Fußballliga und die UEFA, die das Chaos nutzte, um die Champions League zu reformieren. Aus diesen Gründen stellte sich mir die Frage: Was ist eigentlich im Fußball los?

6.500 Arbeiter:innen sind seit der WM-Vergabe an Katar im Jahre 2010 gestorben. Sechstausendfünfhundert! Seit der Guardian diese Zahl im Februar 2021 veröffentlichte, wird wieder häufiger über Katar und die dort 2022 geplante WM diskutiert. Protestaktionen ließen nach der Bekanntgabe der Zahlen natürlich nicht lange auf sich warten. Die norwegische und deutsche Nationalmannschaft haben mit Protestshirts vor dem Anpfiff einiger Länderspiele auf Menschenrechte und ihre unbedingte Einhaltung aufmerksam gemacht. Davon versprechen sich die genannten Verbände eine kritischere Auseinandersetzung mit den Zuständen in Katar, schmettern aber, zumindest der deutsche Verband, den Begriff Boykott weitestgehend ab.

Ganz anders sieht das bei vielen Fanverbänden aus. Begonnen haben die Diskussionen über einen Boykott der WM bei vereinsübergreifenden Fanorganisationen in Norwegen. Die Debatte ging bereits so weit, dass einige Vereine der norwegischen Fußballliga öffentlich den Boykott ausriefen, um so ein erstes deutliches Zeichen zu setzen. In Deutschland hat die bundesweite Fanorganisation ProFans ebenfalls einen Boykott gefordert. Im Gegensatz zu Norwegen, wo ein Boykott immer noch im Rahmen der Möglichkeiten liegt, hält der DFB einen solchen für ausgeschlossen. Der Plan ist, weiter auf die Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, das Gespräch mit den Behörden in Katar zu suchen und somit eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Unterstützung erhalten die Verbände, die auf einen Boykott verzichten, von Amnesty International. Amnesty befürchtet, dass sonst die Regierung von Katar alle bereits getroffen Verbesserungen wieder zur Nichte machen könnte und somit Jahre des Fortschritts verloren gingen.

Kritiker:innen halten dagegen, dass die Machthaber Katars die besseren Arbeiter:innenrechte bereits diskutieren, weil diese die Interessen der Arbeitgeber:innen ebenfalls berücksichtigen und respektieren wollen. Am Ende sieht es danach aus, dass es, egal bei welchem Diskussionsausgang, nur einen Verlierer geben wird und das ist die Gruppe der Arbeiter:innen, die tagtäglich ihr Leben riskieren, um Katar reif für die WM zu machen.

Im Verhältnis zur Veröffentlichung der Todeszahlen in Katar glich das Bekanntgeben der Super League einem Erdbeben. Als am 18. April 2021 die Pläne zur Gründung einer neuen Liga bekanntgegeben wurden, beherrschte dieses Thema nicht nur die Spieler und Fans, sondern sogar die Nachrichten im Allgemeinen. Aber was genau ist passiert? Zwölf der größten und wohlhabendsten Vereine Europas wollten einen neuen Wettbewerb der Superlative und Exklusivität gründen. Dieses Vorhaben ist keinesfalls neu, bereits in den 1980er-Jahren gab es erste Pläne für einen neuen Wettbewerbsgipfel im europäischen Fußball. Während sich über Sinn und Zweck diskutieren ließe, ist eine Sache sicher: Eine Super League hätte für die teilnehmenden Vereine eine große Finanzspritze bedeutet. Eine Finanzspritze, die die Gründervereine sicherlich mit Kusshand nehmen würden – JP Morgan sicherte den Vereinen bereits 3,5 Milliarden Euro zu. Florentino Perez, der Präsident von Real Madrid, einer der Gründervereine der Super League, behauptete erst kürzlich, dass die Topklubs aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage bis spätestens 2024 nicht mehr existieren würden. Was Florentino Perez und die anderen Verantwortlichen und Eigentümer:innen der Vereine allerdings nicht mit einberechneten, war der massive Gegenwind der Fans.

Sechs der zwölf Gründungsmitglieder waren Vereine aus der englischen Premier League und genau dort fand kurz nach der verhängnisvollen Ankündigung ein Spieltag statt. Die Fans versammelten sich daraufhin vor den Stadien der spielenden Mannschaften und zeigten, was sie von der Super League hielten. Viele bescheinigten den teilnehmenden Mannschaften den Tod und unterstellten ihnen reine Gier nach Geld. Plakate mit „Greedy“ oder „Fans not Customers“ waren dabei noch die freundlichsten Plakataufschriften. Beim Spiel Chelsea gegen Brighton wurden die Mannschaftsbusse so sehr bedrängt, dass das Spiel erst 15 Minuten später angepfiffen werden musste. Erst als Chelsea Vereinslegende Petr Cech in Dialog mit den Fans trat, beruhigte sich die Situation.

Zu diesem Zeitpunkt war die Super League allerdings bereits am Zerbrechen. Keine zwei Tage nach dem Gründen der Super League verließen Chelsea, Tottenham, Arsenal, Manchester United, Manchester City, Liverpool, Inter Mailand, AC Mailand und Atletico Madrid diese aufgrund der europaweiten Empörung von Fans und Presse schon wieder. Real Madrid, FC Barcelona und Juventus Turin halten allerdings weiter an den Plänen fest und im generellen ist es ungewiss, ob es einen weiteren Versuch geben wird, eine solche Liga zu gründen.

Nichtsdestotrotz halten die Fanproteste weiter an. Eigentlich sollte am 2. Mai 2021 das heiß ersehnte Spiel zwischen den Erzrivalen Manchester United und Liverpool stattfinden. Allerdings verschafften sich Fans von Manchester United ein paar Stunden vor dem Anpfiff Zugang zum Stadion Old Trafford und stürmten den Platz. Grund des Platzsturms war der Protest gegen die Eigentümer von United, namentlich die Glazer Familie aus den USA. Die Pläne zur Gründung einer Super League brachte den bereits jahrelang geführten Konflikt zwischen Fans und Eigentümer zum Überlaufen. Der Familie Glazer, die Manchester United 2005 übernahmen, wird vorgeworfen, Schulden über den Verein abzubauen und sich somit den Unmut der Fans eingebracht zu haben. Auch hier ist die Zukunft ungewiss, die Fans schafften es allerdings, dass das Spiel abgesagt wurde.

Augenscheinlich haben die Proteste und Demonstrationen der Fans dazu geführt, dass Pläne wie die der Gründung einer Super League vorerst wieder zu den Akten gelegt werden. Sind somit die Fans die großen Gewinner der letzten Wochen und Monate? Zumindest zum Teil. Der eigentliche heimliche heißt ganz klar UEFA. Nicht nur musste die UEFA quasi nichts tun, um den Konkurrenzwettbewerb zur Champions League zu verhindern, außer sich laut gegen die Super League auszusprechen und den teilnehmenden Vereinen mit Ausschluss zu drohen. Vielmehr liegt der größte Sieg darin, dass die UEFA klammheimlich eine heiß diskutierte Champions League Reform einführte. Dadurch wird sich die Champions League 2024 grundlegend ändern. 36 statt 32 Teams, ein Ligasystem statt Gruppen und zehn Vorrundenspiele statt sechs. Grund für diese Reform? Mehr Spiele und somit mehr Fernsehgelder! Ein Zweck der Super League war unter anderem, dass die Klubs mehr Geld bekommen, Geld, dass sie durch die jetzige Champions League nicht ansatzweise hätten einnehmen können. Aus diesem Grund wollte man so schnell wie möglich eine Champions League Reform, aber 2024 scheint, wie Florentino Perez bereits sagte, zu spät zu sein. Sollten die Vereine es dennoch bis 2024 schaffen zu überleben, gehören auch sie neben der UEFA ganz klar zu den Gewinnern, weil sie schlussendlich eine verkappte Super League bilden.

Dennoch waren die Fanproteste nicht umsonst. Sie haben gezeigt, dass Pläne wieder gekippt werden können und dass ihre Stimmen immer noch Gewicht haben. In Europa konnten sie einen kleinen Sieg einfahren, in Katar könnten sie Leben retten. Die Super League ist erstmal Geschichte. Die Toten auf den Baustellen Katars hingegen sind Realität. Aus diesem Grund sollten die Fans noch einmal ihre Stimmen nutzen, um auf weitaus wichtigere Themen als Fußball aufmerksam zu machen und möglicherweise auch WM-Pläne Geschichte werden zu lassen.

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